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Vier Bierfreunde zwischen Schieferbottich und taktischem Pinguin

Betritt man Tadcaster über die Leeds Road, so kommt man nicht umhin, ein wahres Monument des englischen Brauwesens zu bewundern: John Smith Brewery. Gemauert aus dem selben graubraunen Kalkstein, der dem magnesiumreichen Wasser von Tadcaster seine besonderen Eigenschaften verleiht und so dazu beigetragen hat, das idyllische Nest zwischen Leeds und York zur zweitwichtigsten Braustadt Englands (nach Burton-on-Trent) zu machen. Ein eisernes Tor, majestätisch gekrönt von einem geschmiedeten Schriftzug und einer alten Laterne, weist den Weg aufs Brauereigelände.

Gärtank in der Sam Smith Brauerei Soviel zur Architektur. Sucht man aber wirklich gutes Bier, sollte man es vielleicht wie wir vom Bier-Index halten, die John Smith Brewery links (oder in diesem Fall rechts) liegen lassen und erst eine Seitenstraße später abbiegen – denn hier, in direkter Nachbarschaft zur Konkurrenz, befindet sich mit der Samuel Smith’s Old Brewery die älteste und (in unseren Augen) beste Brauerei Tadcasters. Diese ist zwar von Außen weniger beeindruckend, aber bei Bier wie bei Brauereien wie auch bei Menschen gilt: Am Meisten zählt, was hinter der Fassade steckt.

Dort verbirgt sich zunächst einmal das Familiendrama, die Legende hinter den beiden Brauereien, denn die Namensgleichheit kommt nicht von ungefähr. Von der Samuel-Smith-Seite wird sie wie folgt erzählt: John Smith kaufte Mitte des 18. Jahrhunderts für seinen Neffen Samuel Smith eine Brauerei. Doch nach Johns Tod übernahm Bruder William die Geschäfte mit dem Versprechen, sie bei Volljährigkeit an Samuel weiterzugeben. Das geschah auch, jedoch erst nachdem William mit massiven Anleihen eine eigene Brauerei (also John Smith’s Brewery) direkt gegenüber hochgezogen und die alte Brauerei um ihre Marke und einen Großteil der Austattung erleichtert hatte. Samuel fing also quasi wieder von Neuem an, denn er sah sich zu seinem Unglück mit einer fast leeren Hülle konfrontiert.

Der junge Samuel Smith beim Bierzapfen Wir hatten bereits in Berlin das Glück, den Sohn des momentanten Smith-Brauereiinhabers persönlich kennen zu lernen. In guter Tradition heißt dieser tatsächlich Sam Smith und hat Germanistik studiert, nun ist er Handelsvertreter für die Brauerei, deren Namen er trägt, und erwartete uns für eine Brauereiführung und Verkostung in Tadcaster.

Dorthin zu gelangen erwies sich allerdings bereits als kleines Abenteuer, denn abgesehen von klassisch kontinentalen Problemen wie der Umstellung auf Linksverkehr hatten wir uns ausgerechnet das bisher schneereichste Wochenende des englischen Winters für unseren Trip nach Yorkshire ausgesucht. Auf der Autobahn spielte das kaum eine Rolle, als uns aber unser Navi hinterhältiger Weise über zerklüftete Feldwege mit unter dem Schnee verborgenen Schlaglöchern schickte, sendeten wir doch das ein oder andere Stoßgebet mit dem Inhalt „Möge niemand bei der Rückgabe dieses tiefliegenden Mietautos den Unterboden überprüfen!“ gen Himmel. Unser Ziel jedoch war die Mühen der Reise wert: Hazelwood Castle, ein Anwesen wie aus einem Bilderbuch für englische Schlosshotels geschnitten, malerisch eingeschneit, mit dem gemütlichen Schick des Landadels zwischen Ohrensesseln, kamingeheizten Leseräumen, Bars sowie warmen Zimmern mit sehr englischem Blumendekor und, sehr unenglisch, großen Betten.

Holzbierfässer in der Samuel Smith Brewery bereit zur Abfüllung Viel Zeit, den Luxus unserer Bleibe zu genießen, blieb uns jedoch nicht, denn schon kurze Zeit später stand Sam vor der Tür und entführte uns in sein Reich. Kernstück der Samuel Smith Old Brewery ist der Brauturm. Ist das Malz erst einmal über ein Rohrsystem bis zur Spitze des Turms gepustet, erledigt die Schwerkraft während des restlichen Brauvorgangs einen Gutteil der Arbeit. Daneben beeindruckte uns vor allem der Fermentationsraum, in welchem die fruchtig duftende Hefe in riesigen, rechteckigen Schieferbottichen (den sogenannten „Yorkshire Squares“) vor sich hin gluckste, und die Fasswerkstatt, denn die Sam Smith Old Brewery beschäftigt als eine der wenigen in England noch einen eigenen Fassbinder, um besondere Gebräue wie das hochprozentige „Yorkshire Stingo“ im Holzfass reifen zu lassen und diese, zumindest in Tadcaster, mit klassischen Bierkutschen auszuliefern.

Anschließend wurden wir in die Kellerkneipe geführt, wo sich sonst die Angestellten nach getaner Arbeit deren Früchte schmecken lassen. Schmecken ließen wir uns das „Samuel Smith Best Bitter“, wie es sich für englisches Ale gehört natürlich frisch aus dem Fass gezogen, in welchem es reifte. Der Feuereifer, mit dem Sam unsere Gläser bei leisester Androhung von Leere schnappte und nachfüllte, hatte schon fast etwas Entschuldigendes, denn leider waren keine der anderen Biere am Hahn. Dieses Problem umschifften wir gekonnt, indem wir nach gemütlicher Plauderei in die lokalen Pubs auswichen, in welchen es natürlich Samuel Smith zuhauf zu trinken gab, vom Pale Ale bis zum Chocolate Stout.

Holzbierfässer zur Abfüllung bereit in der Samuel Smith Brewery Man mag es diesen verlockenden Flüssigkeiten zuschreiben, dass wir uns entgegen aller Warnungen von Sam und trotz Schneetreiben dazu entschlossen, die fast 8 km zu unserem Hotel des Nachts zu Fuß in Angriff zu nehmen. Einen geprellten Hintern, einen Steinbruch (sicher Kalkstein), zwei Bier und drei Stunden später sanken wir dann erschöpft, aber angenehm berauscht und zufrieden in unsere weichen Betten.

Unser Plan sah eigentlich vor, am nächsten Tag ausschließlich Nottingham unsicher zu machen, doch da hatten wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn was ein echter Smith ist, der kündigt Bierköstlichkeiten wie das „Stingo“ nicht an und enthält sie so gespannten Gaumen wie den unseren dann vor. Also wurden wir erneut aufgelesen und ins südöstlich von Nottingham gelegene Stamford (gemeint ist weder das Dörfchen in Kent noch die Universitätsstadt, welche sich in Kalifornien befindet, sondern wirklich StaMford) chauffiert. Sam hatte sich Verstärkung in Form seines Vaters geholt: Brauereiinhaber Humphrey Richard Woollcombe Smith, 68 und in klassischem Tweedsakko, kam dem Urbild eines rüstigen, englischen Gentleman schon sehr nahe.

In Stamford erwartete uns mit der All Saints’ Brewery (vormals Melbourn Bros.) eine mindestens ebenso traditionsreiche Brauereianlage, die mittlerweile von Samuel Smith genutzt wird, um Fruchtbiere zu produzieren. Noch heute wird die Brauerei von einer Dampfmaschine befeuert, welche die teils seit 1825 unveränderten Gerätschaften antreibt. Hinzu kommen zahlreiche Mythen, wie der ungenutzte Gärtank, in welchem ein geheimes Gebräu vor sich hin fermentiert, angeblich nur Mr. Smith selbst bekannt (was dieser natürlich energisch bestritt…), oder der mysteriöse, aber wohl folgerichtige Todesfall eines betrunkenen Brauers im Sudkessel. Zur Atmosphäre trugen auch die kleinen Schatzkammern bei, wie das frühere Labor, voll mit unangetasteten Chemikalien und uralten Bierstatistiken, sowie Lager, in denen tatsächlich noch ungeöffnete Flaschen aus der Zeit der Melbourn Bros. zu finden waren - was deren Alter irgendwo zwischen 39 und 144 Jahren einstuft.

Etikett des Yorkshire Stingo, gebraut in der Smauel Smith Old Brewery Der angeschlossene Pub gehört zum Gemütlichsten, was wir in England erleben durften (und zumindest unser Exil-Indexler Dirk dürfte inzwischen so Einiges erlebt haben): flackernde Feuerchen in Kaminen umgeben von altem Mauerwerk, Gebälk in leichter Schieflage, schmale Holztreppen zu ledernen Sitzgelegenheiten oder dem steinernen Tresen, dazu nun auch das Yorkshire Stingo und andere Spezialitäten des Hauses wie die besagten Fruchtbiere und klassisches, aber modern zubereitetes Pub Food. Anschließend wurden wir selbstverständlich wieder zurück in das etwa 70 km entfernte Nottingham gebracht.

Dort ließen wir den Abend im Organ Grinder ausklingen, einem Pub der Blue Monkey Brewery, der mit interessanten Stilmixen und in Whiskyfässern gereiftem Stout aufzuwarten vermochte.
Den Abend ausklingen lassen? Sicher doch, nicht aber die Nacht! Denn bei einem Abflug gegen 6 Uhr in der Früh lohnt sich das Ins-Bett-Gehen nun wirklich nicht. So pilgerten wir noch zum Nottinghammer BrewDog-Pub und tauchten unsere Zungen tatsächlich in den berühmt-berüchtigten Tactical Nuclear Penguin mit läppischen 32 Umdrehungen. Wir blieben bis zum bitteren Ende, ergötzten uns an Mikeller und Port Brewing, crashten eine Geburtstagsparty und schmuggelten gutes Bier in einen schlechten Club. Doch das ist eine andere Geschichte…